Teil 2: Erstes Zuchtbuch für Auerochsen vom Januar 1980Fortsetzung: Anläßlich der Begründung des ersten Zuchtbuches im Jahre 1980 verfaßte Herr Direktor i.R. Heinz HECK sen. folgende einleitende Zuchtgeschichte:
Der neue Auerochse " Der Versuch, ein Rind zu züchten, das dem ausgestorbenen wilden Vorfahren unseres Hausrindes, dem Ur oder Auerochsen (Bos primigenius Bojan) möglichst gleicht, hat nicht nur den begeisterten Beifall und die Mitarbeit verständnisvoller Tierfreunde, sondern mancherorts auch ablehnende Kritik gefunden. Daher seien hier der Grund und das Ziel dieses züchterischen Versuchs zusammengefaßt erläutert.
Weitgehend war in Vergessenheit geraten, daß es früher in Europa zwei verschiedene Arten wilder Rinder gab, den Auerochsen und den Wisent.
Hiervon war der Wisent ( Bison bonasus L. ) in unserem Jahrhundert durch den 1.Weltkrieg unmittelbar vom Aussterben bedroht. Die großen Bestände, die noch im Urwald von Bialowies in Litauen und im Kaukasus gelebt hatten, waren vernichtet. Es gab in den Zoologischen Gärten und Tierparks aller europäischen Länder nur noch etwa 50 Einzeltiere, 20 Kühe und 30 Stiere, und auch diese hatten vielfach nur in einem sehr schlechten Zustand überlebt. Beinahe wider Erwarten gelang es aber den Wisenthaltern - vereinigt in der "Internationalen Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents" diese wenigen Tiere erfolgreich zu vermehren. Heute ist der Bestand wieder auf über zweitausend Exemplare angewachsen. Die Art ist nicht mehr vom Aussterben bedroht.
Die zweite wilde Rinderart Europas, der Auerochse oder Ur, hatte das traurige Schicksal, Anfang des 17. Jahrhunderts als Wildtier auszusterben. Das letzte Exemplar, eine Kuh, verendete 1627 im Wildpark von Jaktorowka in Polen, 50 km südwestlich von Warschau gelegen.
Der Auerochse hatte eine sehr weite Verbreitung, die sich über alle Länder Europas - in nördlicher Richtung bis nach Schweden - , die Länder des westlichen Innerasiens, über Mesopotamien, Kleinasien, Syrien, Ägypten und Nordafrika erstreckte. Bei dieser weiten Verbreitung hat der Auerochse natürlich in Größe und Farbe unterscheidbare geographische Rassen gebildet. Das ist - oder war - ja auch bei anderen Säugetieren der Fall, wie dem Rothirsch, dem Wildschaf, dem Wildpferd, dem Braunbären und dem Wolf.
Der Auerochse ist der Stammvater aller unserer Hausrinderrassen. Bei der ungeheueren Bedeutung, die das Hausrind für die Entwicklung der menschlichen Kultur erlangt hat, wird es heute schmerzlich bedauert, daß das Wildrind nicht mehr für die Studien der Wissenschaftler - und nicht mehr für die naturwissenschaftliche Volksbelehrung - zur Verfügung steht. Das Fehlen des lebenden Tieres hat auch dazu geführt, daß der Ur allmählich vergessen - oder mit dem Wisent verwechselt - wurde. Selbst in naturkundlichen Büchern noch des vorigen Jahrhunderts kann man Abbildungen des Wisents mit der Unterschrift "Auerochse" finden. Es lag der Gedanke nahe, zu versuchen, ob es nicht möglich wäre, ein Rind zu züchten, das genauso aussieht wie sein wilder Vorfahre, der Auerochse, um ihn wieder der Vergessenheit zu entreißen.
Hierfür ist es notwendig, als richtungweisendes Ziel der Zucht ein genaues Bild ins Auge zu fassen, festzustellen, wie der Auerochse ausgesehen hat, und danach festzulegen, wie die zu erzüchtenden Tiere der wilden Form - des Auerochsen - aussehen sollen. Ebenso müssen ja auch alle Züchter einer Tierform sich auf eine genaue Rassebeschreibung einigen, einen Standard, nach dem gezüchtet wird und nach dem die Tiere beurteilt und - z.Z. auf Ausstellungen - bewertet werden.
Als einen solchen Standard des Auerochsen nehmen wir am besten den mitteleuropäischen Ur zum Vorbild. Er ist uns unter den verschiedenen geographischen Rassen am besten bekannt durch zahlreiche Knochenfunde, durch bildliche und plastische Darstellungen und durch Beschreibungen von Augenzeugen, die das Tier noch lebend gesehen haben.
Wie auch bei manchen anderen Wiederkäuern, z.B. afrikanischen Urwaldbüffeln, oder den Bantengrindern, oder auch bei den Hirschziegen-Antilopen u.a. waren die beiden Geschlechter des Urs in der Färbung sehr verschieden.
Die Körperfarbe des Stieres war schwarz, im kurzen Sommerhaar samtartig glänzend, im rauhen Winterhaar stumpf. Den Rücken entlang zog sich in dessen Mitte ein heller, weiß-gelblicher Aalstrich. Auf der Stirn, zwischen den Hörnern, standen oft längere, bräunliche Haare. Das Flotzmaul war von weißen Haaren eingesäumt. Auch die Augen waren von einem Ring hellerer Haare umgeben.
Im Gegensatz zu den tiefschwarzen Stieren waren die Kühe des Auerochsen rötlich-braun gefärbt, ihre Unterseite heller. Im Winterhaar waren die Halsseiten schwärzlich. Diesen Färbungsunterschied des Halses zwischen Sommer und Winter kann man auch heute noch bei den Kühen mancher Hausrinderrassen - z.B. den Steppenrindern - bemerken. Das Haupt der Auerochsenkühe war hell, die weiße Umsäumung des Maules und die hellgraue der Augen waren stärker ausgebildet als bei den Stieren. Die langen Haare der Schwanzquaste waren schwarz. Die Beine waren heller gefärbt, insbesondere an ihrer Rückseite.
Man sieht, der Auerochse war ein in beiden Geschlechtern verschieden gefärbtes buntes Rind von großer harmonischer Schönheit.
Bei den Rückzüchtungen wurde im Laufe der Jahre eine Anzahl hochinteressanter Beobachtungen gemacht. So haben wir einige Eigenschaften der wilden Stammform kennengelernt, von denen man früher nichts gewußt hat. Zum Beispiel sah man, daß die Kälber der Wildform nicht in der Farbe der erwachsenen Tiere geboren werden, sondern einfarbig hellbraun. Erst nach einigen Monaten fangen die Stierkälber an, schwärzlich zu werden, die Kuhkälber rötlich-braun, und es stellen sich die weiße Umrandung des Maules und die anderen bunten Zeichnungen ein. Wenn sie erwachsen sind und sich der Geschlechtsreife nähern, sind sie voll ausgefärbt. Diese Jugendfärbung der Urkälber war uns nicht durch Schilderungen von Zeitgenossen überliefert. Sie trat bei den Kälbern der ersten urähnlichen Kreuzungstiere auf und muß als eine Arteigentümlichkeit des Urs angesehen werden, von der wir erst durch den Zuchtversuch Kenntnis erhalten haben.
Der Ur hatte einen zwar sehr kraftvollen, aber auch eleganten Körperbau. Er war hochbeiniger, als es seine Nachkommen, die kurzbeinigen Rinderrassen, sind. Man muß aber wissen, daß dies nicht nur durch die Hochzucht unserer Nutzrassen, sondern auch durch deren Aufzucht und Ernährung erklärt werden kann. Gedrungen gebaute Rinder - etwa Allgäuer Grauvieh oder Verwandte - bekamen bei freiem, ganzjährigem Weidegang auf den weiten Steppen Ungarns oder der Ukraine bereits in der ersten dort aufgezogenen Generation viel längere Beine als ihre importierten Elterntiere, einen viel geräumigeren Schritt. Auch wurde der Schädel bei alleiniger Ernährung durch freien Weidegang länger.
Bezeichnend für die Gestalt des Auerochsen ist auch, daß der Rücken geradlinig flach vom Hals bis zum Schwanz verläuft und nicht durch lange Wirbelfortsätze gebildeten hohen Kamm über der Schulter hat, wodurch die zweite Wildrinderform Europas, der mehr wollhaarige, in beiden Geschlechtern einfarbig braune Wisent, ausgezeichnet ist.
Es ist nicht ganz leicht, von der Körpergröße des Urs zu reden. Es gab sehr große Ure, deren Reste in denjenigen Ländern gefunden wurden, die sich auch heutzutage als sehr erfolgreiche Rinderzucht-Gebiete auszeichnen, wie etwa die Länder des Niederrheins mit ihrem das ganze Jahr über andauernden Graswuchs. Es gab ferner kleinere Formen aus weniger günstigen Landstrichen, die hinter den Vertretern der großen Unterarten zurückblieben. Das hat sogar dazu geführt, daß man eine eigene Unterart, den Zwergur, beschrieben hat; aber das fand nicht allgemeine Anerkennung. Die verschiedenen Größen des Urs gehören - wie andere Körpereigenschaften - zur Variationsbreite des Wildrindes. Es ist aber falsch, zu sagen, daß alle Hausrinderrassen sehr viel kleiner wären als der Ur. Es gibt auch heute noch Hausrinder, besonders aus der Gruppe der Steppenrinder, wie die Valesianer, die mit fast 2m Schulterhöhe die Körperhöhe der größeren Urunterarten haben. Man sieht sie manchmal als "Riesenochsen" in den Schaubuden ländlicher Volksfeste ausgestellt.
Zum Knochenbau der wilden Form des Hausrindes gehörte auch, daß es sehr kräftige Hörner hatte, die erst seitwärts, dann vorwärts und dann aufwärts gerichtet waren, weißlich hornfarbig mit schwarzer Spitze. Auch dadurch unterscheidet sich der Auerochse sehr vom Wisent, der verhältnismäßig kleine, einfarbig braune Hörner hat.
Natürlich hat die Stellung der Hörner des Auerochsen individuell und nach der geographischen Rasse variiert. Das finden wir auch bei unseren anderen Hornträgern, den Steinböcken, Wildziegen und Gemsen, oder bei den Antilopen, bei denen ebenso eng zusammenstehende Hörner, wie weit auseinanderstehende, oder mehr oder weniger stark gebogene und dickere oder dünnere Hörner vorkommen. Die gleiche Variationsbreite müssen wir auch dem Gehörn des Urs einräumen. Das wird auch durch Funde bestätigt. So trägt ein großer Auerochsenschädel, der vom Grunde der Nordsee hochgeholt wurde und sich im Londoner Museum befindet, sehr weitgebogene Hörner. Andererseits sind enger gebogene Hörner an Schädeln oder deren Bruchstücken aus Deutschland oder Polen sehr häufig.
Aus der vorstehenden Beschreibung des Körperbaues und der Körperfarbe kann man sich ein gutes Bild davon machen, wie der Auerochse ausgesehen hat. Nach diesem Bild muß man sich bei dem Vorhaben richten, aus den gezähmten Rassen des Urs ein Rind zu züchten, das der Wildform möglichst gleicht. Das mag manchen Leuten als ein kaum durchführbares Vorhaben erscheinen, wird aber vielleicht verständlicher, wenn man andere Beispiele heranzieht.
Der australische Wellensittich ist im vorigen Jahrhundert in großer Anzahl nach Europa importiert worden. Die Vogelliebhaber begrüßten hocherfreut das Erscheinen dieses anmutig lebhaften, sehr hübsch gefärbten Australiers, der zudem leicht zu halten war. Bald gelang auch die erfolgreiche und außerdem sehr produktive Nachzucht. Etwa um die Jahrhundertwende traten Farbvariationen auf, zuerst gelbe, dann blaue, weiße, moosgrüne und andere Farben. Neue Körpereigenschaften traten hinzu. Die Züchter haben auch die Körperform beeinflußt. Die schmale Gestalt der Wildform wurde zu einem schwereren, geräumigen Körper umgezüchtet, der kleine Kopf wurde größer. Auch wurde eine Rasse mit einer Haube auf dem Kopf erzielt. In dem Zeitraum von hundert Jahren - und in vielen Generationsformen - wurde aus der Wildform Wellensittich ein Haustier mit vielen Rassen erzüchtet.
Nun ist begreiflich, wenn jemand aus diesen verschiedenen Rassen des Wellensittichs solche Exemplare aussuchen würde, die eine oder mehrere Eigenschaften der Wildform zeigen und diese untereinander verpaarte, dann erhielte er bald wieder Vögel, die dem in Australien fliegenden wilden Wellensittich in Färbung und Gestalt gleichen. Wenn man mit diesen weiterzüchtet, so würden natürlich in den nächsten Generationen manchmal Vögel auftreten, die gelb, blau oder weiß sind. Es werden aber immer weniger, wenn die Eltern, Großeltern, Urgroßeltern usw. alle immer wildfarbig waren, und nur diese zur Zucht verwendet werden. Diese Auslese betreibt der Mensch. Würde man aber die wiederhergestellten Wildfarbigen unter den artgemäßen Bedingungen in der ursprünglichen Heimat Australien wieder aussetzen, so würde auch da manchmal noch ein gelber oder andersfarbiger Vogel in den Wellensittichschwärmen auftreten. Es würde aber die Umwelt und die natürlichen Feinde in der Freiheit eine scharfe Auslese herbeiführen und die auffälligen, fehlfarbigen Vögel ausmerzen. Die Wildform des Haustieres Wellensittich wäre wiederhergestellt.
Für einen solchen Vorgang gibt es auch andere Beispiele. Früher gab es in Mitteleuropa nördlich der Alpen keine Kaninchen. Die allbekannten zahmen Hauskaninchen wurden bei uns erst im Mittelalter durch die Klöster und Fürstenhöfe eingeführt. Zwar waren es noch nicht so viele durchgezüchtete Rassen, wie es sie heutzutage gibt. Aber auch die mittelalterlichen zahmen Hauskaninchen hatten bereits verschiedene Farben, Gestalten und Haarformen. Es waren ganz ausgesprochene Haustiere, die ungefähr so ausgesehen haben, oft heute noch die buntscheckige Schar ländlicher rasseloser Stallhasen aussieht.
Und unser wildes Kaninchen ? Es stammt nicht direkt aus ihrer südlichen Heimat - Spanien und den spanischen Inseln - importierten Wildlingen ab, sondern von den zu uns gelangten Hauskaninchen. Diese wurden nicht nur in Ställen, sondern bald auch in Gehegen, oder auf den zeitweise sehr beliebten Kaninchen-Inseln gehalten. Von dort sind sie entwischt, und dann haben sich die freilaufenden Stallhasen wieder in eine Wildform verwandelt und bei guten Lebensbedingungen stark vermehrt. Heute gibt es in vielen Ländern Mitteleuropas, so in England, Frankreich und Deutschland, nicht mehr gerade zu unserer Freude eine unzählbare Schar wilder Kaninchen, die alle gleich aussehen: klein, flink und grau. Die Umwandlung ist auf sehr einfache Weise erfolgt. Während dieser sprichwörtlichen und manchmal erschreckenden Vermehrung hat der Habicht die auffälligen Weißen und Bunten geholt, die zu schwerfälligen hat der Fuchs gegriffen, die Wollhaarigen haben die Nässe draußen nicht vertragen, - und so wurden aus dem vielfältigen Gemisch der bunten Haustier-Erbmasse dauernd alle Vererber für das Wildleben ungeeigneter Eigenschaften ausgemerzt. Durch diese natürliche Auslese ist unser wildes Kaninchen entstanden, also die Wildform wieder aus ihren Hausrassen.
Diese Beispiele zeigen, daß es möglich sein muß, auch die Wildform des Rindes durch entsprechende Verpaarungen wiederherzustellen. Man kann das auch so auffassen, daß zu den vielen Rinderrassen, die es gibt, eine neue Rasse herausgezüchtet werden soll, die dem Ur gleicht. Diesem Vorhaben ist der Name Ur oder Auerochse hinderlich, weil er ein ganz anderes Tier zu bezeichnen scheint, als das Wildrind. Fast möchte man bedauern, daß sich die einfache Bezeichnung nicht wie bei Wildpferd, Wildschaf, Wildschwein, Wildkaninchen, Wildgans und Wildente eingebürgert hat. Das hat dazu geführt, daß manche Leute den Versuch der Wiederherstellung der Wildrasse des Rindes ablehnen, weil sie sich unter der Bezeichnung Ur ein ausgestorbenes, vorzeitliches Ungeheuer wie etwa das Mammut vorstellen.
Außerdem gibt es zuweilen Leute, die bei jedem Vorhaben, das einer beginnt, sagen: "Das geht nicht, das ist falsch !" Manche hängen dieser Ablehnung einen wisseschaftlichen Mantel um, indem sie auf den Unterschied in der Größe zwischen Ur und Hausrind hinweisen. Den kennt man aber schon lange. Auf seine Beseitigung erstreckt sich das Programm des Zuchtversuches. Ebenso steht es damit, daß auf die Verschiedenheit der Chromosomen hingewiesen wird. Dabei ist dieses Gebiet noch nicht genügend bearbeitet. Zudem wissen wir ja neuerdings, daß ihre Anzahl bei derselben Art variabel sein kann.
Es wird auch gesagt, daß aus diesen Kreuzungen nie eine gleichmäßige - sich fest vererbende - Rasse entstehen könnte. Wer das sagt, der sollte sich von einem guten Haustierkenner belehren lassen. Da wird er hören, daß es viele Haustierrassen gibt, die aus anfänglichen Kreuzungen entstanden sind, aber einen gleichmäßigen, vom Züchter gewünschten Leistungs- und Körpertyp entwickelt haben und diese neue Rasse jetzt fest vererben. Erwähnt seien der Dobermann, das Englische Vollblutpferd, die Haflinger Pferde, die Lipizzaner, die modernen Fleischrassen des Hausrindes, viele Geflügelrassen und viele Rassen der wirtschaftlichen und der Liebhaber-Fischzucht. Als Folge dieser sachlichen Feststellungen kann man den Züchtern nur empfehlen, die obigen Einwände gegen die Zucht und Wiederherstellung der Wildrasse des Rindes nicht zu beachten, sondern jeder soll seinem Züchterblick und gesunden Menschenverstand vertrauen.
Kein Tier ist ganz ausgestorben und endgültig verloren, von dem noch irgendwelche lebende Erbmasse vorhanden ist. Diese kann z.Z. nicht sichtbar sein, das spielt nach den Erkenntnissen der Vererbungsforschung keine Rolle. Was nicht sichtbar ist, kann man wieder zur Erscheinung bringen. Aus Kreuzungen kann man die ursprünglichen Bestandteile wieder isolieren. Beim Auerochsen liegen die Verhältnisse sogar sehr günstig. Alle seine Körpereigenschaften sind noch sichtbar vorhanden. Sie sind einzeln auf die verschiedenen Hausrinderrassen verteilt. So hat die eine Rasse noch ein gutes Auerochsenhorn bewahrt, die andere seine Gestalt, eine dritte zeigt die Körperfarbe usw.
Aufgrund dieser Beobachtungen habe ich in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg überlegt, ob es nicht möglich wäre, die auf die verschiedenen Rassen verteilten primitiven, dem Ur ähnlichen Eigenschaften, in einer Zucht zu vereinigen und so das Wildrind wieder erscheinen zu lassen. Hierzu verpaarte ich dann Ungarische Steppenrinder, Schottische Hochlandrinder, Allgäuer, Werdenfelser, Angler, ferner gescheckte Niederungs- und Gebirgsrinder, auch Podolische Steppenrinder, und Korsikanische Gebirgsrinder miteinander. Auch konnte ich - der Zeitersparnis halber - schon von manchen geeignete Kreuzungen erwerben. Der Erfolg ist sehr schnell gekommen. Bereits im Frühjahr 1932 wurden im Münchner Tierpark Hellabrunn aus dieser Mischlingszucht die ersten Rinder geboren, die die gewünschten Auerochsen-Eigenschaften annähernd in sich vereinigten.
Im Zoologischen Garten Berlin verpaarte mein Bruder, Prof. Dr. Lutz HECK, spanische und französische Kampfrinder mit anderen Rassen. Die Resultate beider Zuchten glichen sich. Aus unseren Erfahrungen bei diesen Zuchtversuchen kann man sagen, wenn jemand mit der Auerochsenzucht beginnen will, so erzielt er die gewünschte Ähnlichkeit am schnellsten und am besten mit Südrussischen, Ungarischen oder Italienischen Steppenrindern, Spanischen Kampfrindern, Schottischen Hochlandrindern und Old-Texas-Longhorns.
Die Führung der Rinderzuchten in Richtung auf die Wildform, auf den Vorfahren Auerochse, bedarf es natürlich einer dauernden, fachmännisch verständnisvollen Auslese. Es ist klar, so lange wir noch mit so wenigen Anfangstieren arbeiten müssen, kommen Rückschläge vor. Aber je größer die Anzahl der zurückgelegten Generationen ist, desto weniger solcher unerwünschter Schönheitsfehler wird es geben.
Für den erfolgreichen Fortschritt in der Zucht der wilden Form des Rindes ist es sehr hinderlich, daß die Zoos und Wildparks aus Platzmangel immer nur mit sehr wenigen Zuchttieren arbeiten können. Es wäre anders, wenn wir mehrfach mit etwa 20 Kühen auf großräumigen Weideplätzen züchten könnten. Auch Wildparks sind hierfür geeignet.
Die bisherigen Erfahrungen bei der Haltung von Wildrindern in Wildparks haben gezeigt, daß dabei Befürchtungen, es würden Unverträglichkeiten zwischen den Rindern und Hirschen entstehen, grundlos sind. Man kann sogar von einer gewissen Ergänzung der beiden Wiederkäuerarten in ihren Lebensbedingungen sprechen. Die Hirsche bevorzugen bei der Äsung andere Pflanzen als die Rinder. Am deutlichsten hat man das gesehen, als viele Almen nicht mehr mit Rindern beschickt wurden. Da wuchsen und vermehrten sich ganz ungehindert die Pflanzen, die sonst nur die Rinder abgeweidet hatten. Das oft zahlreich zur nächtlichen Äsung auf die Almen austretende Rotwild hat diese bei der Äsung stehenlassen und nur die ihm seit jeher zusagenden Pflanzen aufgenommen. Die Pflanzendecke der Almen bekam daher ein ganz anderes Aussehen. Das zeigt, daß die freie Haltung von wilden Rindern in einem großen Hirschpark oder Gatter von Vorteil sein kann.
Interessant ist auch die Erfahrung, daß die durch Kreuzungen hergestellte Wildrinderrasse sich sehr widerstandsfähig gegen Krankheiten erwiesen hat. Der Tierpark Hellabrunn ist in den schwierigen Nachkriegsjahren zweimal von Rinderkrankheiten heimgesucht worden, die sich über ganz Bayern verbreitet hatten. Die damals gehaltenen hochrassigen Milchkühe haben unter der Maul- und Klauenseuche schwer gelitten, während die Krankheit bei den Auerochsen-Rückzüchtungen nur ganz leicht, als ein einige Tage dauernder "Schnupfen" auftrat. Die Widerstandsfähigkeit gegen die zweite Rinderkrankheit, das Katarrhalfieber, war ebenso zwischen den Rasserindern und der Wildrinder-Kreuzungszucht verteilt. Man darf annehmen, daß dieser eigenartige Tierstamm eines Tages als Blutauffrischung für unsere Hausrinder nützlich werden wird, wenn diese - als Folge der immer höher gesteigerten Leistungszucht - gesundheitlich noch anfälliger werden. Doch konnte man dies bei Beginn der Zucht nicht voraussehen.
Ich habe diese Rückzüchtung aus folgenden Gründen angefangen: Es war so ärgerlich, daß die beiden europäischen Wildrinder-Arten - der Wisent und der Auerochse - immer wieder verwechselt wurden. Ich wollte daher beide lebend nebeneinander zeigen. Und tatsächlich hat sich das allgemeine Wissen über diese Tiere wesentlich gebessert, seitdem man in Zoos und Wildparks ansehen kann, wie ein Wisent und wie ein Auerochse aussieht. Das wirkte besser als hundert Bücher.
Ein anderer Grund lag in dem Gedanken, wenn der Mensch schon nicht daran zu hindern ist, gegen sich selbst und gegen alle Kreaturen so irrsinnig zu wüten und die Tiere serienweise auszurotten, daß es dann eine sehr erfreuliche Sache ist, wenn wenigstens eine Tierart, die er bereits ausgerottet hat, das Wildrind, der Ur oder Auerochse, wieder zu neuem Leben aufersteht. “
Fortsetzung folgt !
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